DesensibilisierungTierschutzgesetzHygienevorschriftenAlternativenBeratung

Kaninchen Hase (c) veggie-kids.deSchon mehrmals wurde in den Medien über Schlacht-Vorführungen in Schulen berichtet, in diesem Jahr an einem Kaninchen am Gymnasium Horn in Österreich (1). In Deutschland machte die Cesar-Klein-Schule in Ratekau (Schleswig-Holstein) im März 2011 Schlagzeilen, als im Rahmen eines Steinzeit-Projektes ebenfalls ein Kaninchen getötet wurde (2). In beiden Fällen hatten Schüler im Vorfeld Unterschriften gesammelt, Protestbriefe geschrieben bzw. Geld gesammelt, um das Leben der Tiere zu retten – ihr Verständnis von Ethik und Demokratie wurde jedoch seitens der Schulen als indiskutabel abgewiesen.

Vielen Lehrern ist klar, Schulstoff erklärt sich einfacher je anschaulicher der Unterricht gestaltet wird. Begriffe und Zusammenhänge bleiben dann besser im Gedächtnis, wenn Schülern die Inhalte der Stunde möglichst greifbar nah gebracht werden, sie deren Lebenswelt berühren oder sie von ihnen sogar praktisch umgesetzt werden können. Seien es Experimente oder Besuche von Museen oder Betrieben, an besondere Projekte erinnern sich viele noch lange nach der Schulzeit.

Wie anschaulich soll Biologieunterricht sein?

Im Biologieunterricht wird unter anderem der Körperbau verschiedener Tiere besprochen und erklärt, wie Verdauung, Herz und Muskeln funktionieren. Meist reichen Bilder oder Videomaterial aus. In Hamburg sezieren Schüler jedoch im Biologieunterricht tote Fische oder Schweineaugen vom Schlachthof (3). Ist das überhaupt erlaubt?

Einerseits ergibt sich vom ethischen Standpunkt aus die Fragestellung, was Kindern zumutbar ist. Zudem gibt es gesetzliche Regelungen und hygienische Einwände, die beachtet werden müssen. Andererseits muss diskutiert werden, wie lebensfern Schule sein darf, in der die meisten Kinder regelmäßig Fleisch essen, dessen Herkunft nicht hinter der Kinderwurst-Verpackung versteckt bleiben sollte.

Desensibilisierung

Ein Artikel im Familienmagazin Nido macht das weitere Ausmaß dieser Problematik deutlich. Die Mutter organisiert ein Gartenfest mit Spanferkel, ihrer Tochter im Vorschulalter verschweigt sie wohlweislich, dass es sich um ein Babyschwein handelt (8). Ihr Kind weiß nicht mal, woraus ihre Lieblingswurst besteht, antwortet auf die Erklärung aber beeindruckend weise mit „Das ist aber traurig, dann sollten wir nicht so viel davon essen.“ Verschiedene Studien haben gezeigt, dass selbst die Gefühle junger Erwachsene im Laufe ihres Studiums der Veterinärmedizin gegenüber Tieren abkühlen. Dieser Prozess der Desensibilisierung wird durch Praktika und Behandlungen an Tieren gefördert (9).

Bereits die Schule schlüpft in dieses Paar Schuhe: statt die Zuneigung ihrer Schüler gegenüber allem Lebenden zu erhalten, werden sie schleichend den Normen der Gesellschaft angepasst. Schon Grundschüler erhalten Arbeitsblätter, auf denen Nutztiere Lebensmitteln zugeordnet werden müssen. Weder hier noch beim Sezieren im Oberstufenbereich wird kritisch hinterfragt, über Schlachtung, Karnismus oder Veganismus gesprochen. Die fadenscheinige Begründung Schüler mittels einer Schlachtung über die Herkunft ihrer Wurst aufzuklären, ihnen die Wurzeln ihrer Geschichte vorzuführen ist letztlich nur eine Ausrede für eine unkreative Unterrichtsmethodik. Welcher Geschichtslehrer könnte sich ähnliches erlauben, wenn er über Kriege der Vergangenheit erzählt?

Gesetzliche Vorschriften

Nach dem Deutschen Tierschutzgesetz (4) darf nur der ein Wirbeltier töten, wer die dazu notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten hat. Warmblütige Tiere dürfen nur nach Betäubung geschlachtet werden (3. Abschnitt, §4 und 4a). Auch Eingriffe oder Behandlungen, die nicht Versuchszwecken dienen, sondern zu Ausbildungszwecken vorgenommen werden, gelten nach dem Gesetz als Tierversuch (5. Abschnitt, §7 und 7a). Diese Tierversuche dürfen aber nur durchgeführt werden, soweit sie für den Zweck der Ausbildung unerlässlich sind und wenn der verfolgte Zweck nicht durch andere Methoden oder Verfahren erreicht werden kann.

Sie dürfen zudem gar nicht an Schulen durchgeführt werden, sondern nur in Einrichtungen, wie wissenschaftlichen Instituten oder Krankenhäusern. Verfahren, wie die Entnahme und Untersuchung von Organen oder Geweben zu Ausbildungszwecken sind dort zudem aufzeichnungspflichtig, um Behörden entsprechende Kontrollen zu ermöglichen (5). Hierzu gehören auch der erhoffte Erkenntnisgewinn und der erwartete Nutzen.

Hygienische Bedenken

Spätestens seit dem Bekanntwerden der BSE-Fälle sollten die Alarmglocken klingeln, wenn Schüler mit Schlachthof-Abfällen oder frisch getöteten Tieren arbeiten sollen. Salmonellen, Trichinen und Würmer sind weitere humanpathogene Endoparasiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. Lehrkräfte und Schulleiter müssen entsprechende Sicherheitsrichtlinien (6) beachten um die erforderlichen Schutz- und Hygienemaßnahmen zu erreichen und unkalkulierbare Infektionsrisiken zu minimieren.

Eine Präparation von Rinderaugen wird darum nicht mehr angeraten. Auch bei der Präparation von Schweineaugen wird zum Tragen von Einmalhandschuhen aufgefordert um Infektionsrisiken zu vermeiden, von einem zusätzlichen Spritzschutz vor dem Gesicht wird (noch) nicht berichtet.

In universitären Zoologiekursen werden zu präparierende Tiere unter anderem mit Formalin vorbehandelt, um das Infektionsrisiko zu umgehen. Allerdings wirkt das Konservierungsmittel Formaldehyd während des Präparierens stark auf den Geruchs- und Geschmackssinn und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als krebserregend eingestuft (7).

Alternativen

Viele Schulen greifen auf den Fundus an Lehrmaterialien zurück, die auch ohne Tierleid Unterrichtsstoff anschaulich vermitteln.
Frosch Anatomie für Kinder_(c) veggie-kids.deVideofilme sind wohl das mit am längsten eingesetzte alternative Lehrmittel. Sie finden sich zu den verschiedensten Themen in didaktischen Sammlungen und nicht zuletzt bei Youtube. Zum anderen haben sich eingefärbte und beschriftete Kunststoff- bzw. Holzmodelle von Tieren bewährt. Je nach Modell geben sie Einblick in das Körperinnere und lassen sich auseinandernehmen, so dass weitere Organe und Strukturen sichtbar werden. Hierzu zählt auch die Buchreihe Modell in 3D, die den jungen Leser mit erklärenden Texten durch die anatomischen Strukturen von Tieren blättern lässt. Interessant sind sicher auch für Kinder und Haustierhalter entwickelte Erste Hilfe-Modelle, die ähnlich menschlichen Phantomen behandelt werden können.
Der technikbegeisterten Generation können auch mittels multimedialer Software anatomische Kenntnisse nahegebracht werden, interaktive Programme mit 3D-Funktionen, Glossar, Arbeitsblättern und Quiz stehen sehr kostengünstig zur Verfügung.
Verschiedene Materialien im kostenlosen Verleih und Beratung bietet das internationale Netzwerk InterNICHE.org. Anfragen können gern auch direkt an schmidt@veggie-kids.de gestellt werden, da wir selbst bei InterNICHE tätig sind. Beispielsweise werden hier sogenannte Plastinate von verschiedenen Tierarten angeboten. Hierfür wurden verstorbene Tiere fachmännisch präpariert und labortechnisch durch eine Plastination dauerhaft haltbar gemacht.
Eine weitere Möglichkeit ist der Einsatz von Knete – ein vorgegebenes Tiermodell soll hierbei von den Schülern möglichst originalgetreu nachgeformt werden. Dies kann auf den ersten Eindruck für ältere Schüler öde und einfach erscheinen, wird aber schnell zu einer kniffligen Herausforderung an die eigene Handfertigkeit und Vorstellungskraft. Die Ergebnisse eignen sich auch gut für eine Ausstellung, eine Präsentation oder die Frage an die Mitschüler, welche Struktur hier nachgebildet wurde.
Das Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Reutlingen (10) hat verschiedene Augenmodelle entwickelt und bewertet, die alternativ zum Schweineauge eingesetzt werden können. Eine Firma aus Weimar bietet neben vielen anderen Modellen ein beeindruckendes begehbares Augenmodell zur Miete an (11). Ebenso ist ein Augenmodell in ‘nur’ 3facher Vergrößerung, welches in 9 Teile zerlegt werden kann, auf dem Markt verfügbar (12).

Durch jahrgangsübergreifenden Unterricht und Kalkulierung der Ausgaben über viele Jahre, wird sicher deutlich, dass hierdurch auch Kosten eingespart werden können.

Fazit

Übungen und Experimente, bei denen Tiere leiden, zu Schaden kommen oder durch die sie gar Sterben, sind im schulischen Bereich verboten. Abgesehen vom Tierschutz sollten Schulen auch die seelische Entwicklung der Schüler als Ganzes betrachten und mögliche desensibilisierende Unterrichtseinheiten erkennen und vermeiden. Für den Einsatz in Projekten und im naturwissenschaftlichen Bereich, insbesondere der Biologie und Anatomie, sind ausreichend Alternativen vorhanden, die den Schülern mit Sicherheit viel Spaß am Lernen bieten und durch eine kreative Planung und Kombination die geforderten Lehrplaninhalte abdecken. Erfahrungsberichte, Fragen und Beratung zur Unterrichtsgestaltung können gern an das veggie-kids-Team herangetragen werden.

Quellen

  1. spiegel.de, 3.7.2015. Trotz weinender Schüler: Lehrer soll Kaninchen im Unterricht getötet haben
  2. spiegel.de, 1.4.2011. Erschlagenes Kaninchen: Schulleiter angezeigt
  3. abendblatt.de, 2.4.2011. Bundesweite Diskussion, Hamburger Schüler sezieren Fische und Augen, Ulf B. Christen und Elisabeth Jessen
  4. Tierschutzgesetz in der Fassung vom vom 28. Juli 2014
  5. LaGeSo Berlin, Hinweise zum Führen der versuchsbegleitenden Aufzeichnungen (PDF), siehe auch deren Webseite zu Tierversuchen
  6. Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement an Schulen (arbeitsschutz.nibis.de), Richtlinien (PDF)
  7. Wikipedia-Eintrag zu Formaldehyd
  8. nido.de, online 3.8.2015, print 28.5.2015 (Ausgabe 06/2015) Das Ferkel
  9. Tierethik 2014/01, Über die Notwendigkeit eines tierverbrauchsfreien Studiums – Die Ausbildung als Schlüssel zur Abschaffung von Tierversuchen.
  10. Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Reutlingen (seminare-bw.de), Augenpräparation und Augenmodelle (PDF)
  11. Vector GmbH, Organmodelle (organmodelle.de)
  12. Somso Modelle GmbH, Augenhöhle mit Augapfel (somso.de)
facebook